Habe mir am Sonntag ein Seminar zu „Internet und politische Öffentlichkeitsarbeit“ - / „politischen Marketing“ angetan. Also dazu, wie man den Spagat hinbekommt, zwischen  offener, ehrlicher politischer Selbstdarstellung und Außendarstellung.

Einer der Flüche, die auf „höherem Alter“ liegen, ist die Erinnerung an „Anfänge“. So erinnere ich mich, wie die FDP  vor hundert Jahren (gefühlt) die Pünktchen  (F.D.P) bekommen hat (Werbeagentur Team, Düsseldorf, wenn ich mich recht erinnere). 
Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, ob das er erste Sündenfall in Sinne politischer  Glaubwuerdigkeit (bzw.  Unglaubwürdigkeit) war.
Aber schauen wir rein, in die Veranstaltung.

War  vielleicht ein schwieriger Einstieg für mich, denn eigentlich hatte ich gedacht,  da gehste hin und ein jugendlicher Referent wird so tun, als hätte er  Wordpress (ein auch für IT-Muffel einfaches CMS)  gerade neu erfunden.

Der erste Satz den ich höre „Wer nicht im Facebook ist hat eben Pech gehabt“.  Ein Satz den ich zwar fast für eine Untertreibung halte, denn der ganze Ortsverband – oder die Arbeitsgruppe hat ja oft Pech gehabt), bei dem ich mir aber nicht sicher war, ob ich ihn bei einem Seminar hören will.
Schließlich bin ich -polittisch- und will mich aufregen.

Mit  „innerlich gekrausten Augenbrauen“ höre ich also weiter kritisch zu, und bemerke eine „freundliche Arroganz“ des Vortragenden, vielleicht kann man auch sagen „charmante Verachtung“.  Ja verdammt denk ich,  meint der er spricht vor Deppen?
Nur weil man sich für eine bestimmte Partei entscheidet muss man ja nicht grenzdebil sein.
Natürlich ist mir klar, dass man als Referent gut beraten ist, am Anfang die Fronten zu klären, aber … der ist so „scheisse-jung“! Egal.

Es geht um Marketing sagt Leif, so heißt der Referent, und ich grübel, ob ich, der ich etwas über Webstrategien hören wollte, hier nicht schlicht falsch bin.
Dann klärt er auf, es gibt kein „Internet-Marketing“ sondern nur Marketing  in dem das Netz heute  ein, wenn nicht „das“,  wesentliche  Spielfeld ist.
Klingt  leider  … plausibel!

Nun denke ich, wird er Wordpress feiern. Was macht er? Er referiert über Vertrauenswürdigkeit und über „Marketing ohne Inhalt“ (als Idee, wohlgemerkt).  Über die Konflikte zwischen Authentizität und Professionalität.

Und wir sprechen über  verschiedene Marketing-Slogans, ihre Abbildung im Netz, über Agenda-Surfing, Reichweiten und „Story-telling“. Und zuletzt über  … Wordpress als  Tool für Blogger.
Als ich merke, dass er auch über Begriffe wie „gute Arbeit“ schmunzeln kann, da hat er mich.

Respektlos ist er ja -
aber  … interessant, lehrreich  und sehr unterhaltsam.
  
Danke an  Leif Neugebohrn,
und an seine
„ werkstatt-ueberzeugungsarbeit.de „  
und natürliche danke an „meine“ Partei  für das Seminarangebot

So hörte und las man es, seitdem am vergangenen Dienstag bekannt wurde, dass das Duisburger Landgericht nicht „richten“ will.
Nach mehrjähriger Vorbereitung durch Staatsanwaltschaft, nach langer Prüfung durch das Gericht, hält das Gericht die Klage für "zu dünn".
Dies sei furchtbar für alle Hinterbliebenen, sagte die Presse, sagten auch die Vertreter der Betroffenen.
So viele Jahre nach dem Unglück, und "… niemand wurde zur Rechenschaft gezogen … ! "

Es sei ein Albtraum.

Was genau aber ist der Albtraum?
Es passiert ein Drama bei einer Konzertveranstalung. Einundzwanzig Tote, viele Schwerverletzte – und es ist niemand da der „schuld“ ist. Niemand, dem man die Schuld „geben“ kann, „zuweisen“ - niemand den man „verurteilen“ kann.
Ist das der eigentliche Albtraum?

Bei dem bekannten Bild von Johann Heinrich Füssli, mit dem gerne der Albtraum bebildert wird, sitzt ein Teufel, ein Kobold, auf dem Oberkörper einer Schönen.
In Duisburg starben junge Menschen, weil andere junge Menschen, auf ihren Oberkörpern standen, auf den unten liegenden herum trampelten.
Die Überrannten ertrugen es nicht, sie starben, wir ertragen den Tod der jungen Leute schwer, die Umstände kaum, und die Sinnlosigkeit überhaupt nicht.
Wir suchen Befreiung vom Druck des Geschehens in der Schuld Schuldiger.

Die Menge, das Volk, vor allem aber ihre „Einheizer“ im Journalismus - die Schöpfer plakativer Headlines, wir alle regen wir uns auf und verbreiten eine Stimmung des Vorwurfs. Wir haben viel Empathie mit allen Opfern – und wir sind auf der Suche nach ausgleichender Gerechtigkeit, einer Gerechtigkeit um deren Unmöglichkeit wir Wissen.
Wir sagen, wir seien auf der Suche nach Antworten. Aber wir sind auf der Suche nach Schuldigen.

Warum brauchen wir „Schuld“? Ist das Geschehen nicht schon schlimm genug. Suchen wir so verbissen nach Schuld beim Vulkanausbruch, bei der Flutwelle, dem Tsunami, dem Erdbeben?
Nein, wir ertragen die Katastrophe, oft mit der Selbstberuhigung reger Spendentätigkeit.
Warum nicht hier? Was unterscheidet die eine Katasprophe von der anderen?
Ist es die Frage „Naturkatasprophe“ oder „menschengemachtes Unheil“?
Ist es das?
Oder misstrauen wir selbst unserem Wort von der Panik als Ursache?

Eine Panik, ausgelöst durch Feuer, Rauch, Schüsse, Beben oder Alarm – das können wir verstehen. Eine Panik ausgelöst durch die Situation der Enge, durch die Menge derer die von der Panik erfasst wird - ist offen gestanden - eine „unnötige“, eine hausgemachte Panik.
Wir sagen das nicht, aber wir … fühlen es. Würden wir das sagen, könnte der Verdacht einer Mitschuld aufkommen. Wir müssten den Vorwurf hören, da würden mal wieder Opfer zu Tätern gemacht. Was wir natürlich nicht wollen. Weder den Verdacht, noch den Vorwurf.

Menschen haben Menschen tot getreten, tot gequetscht. Vorwiegend junge Menschen. Nicht aus Hass, nicht aus Wut, mehr aus einer adrenalingetränkten Mischung von Übermut und Dummheit.
Es gab keinen eigentlichen Unfall, kein technisches Versagen. Die Situation, viele junge Menschen auf zu engem Raum, zuviel wilde Ausgelassenheit, das war das Versagen.
Situationen werden geschaffen. Hier durch Veranstalter, Polizei und Hilfskräfte. Aber war das der Auslöser? Gab es einen Auslöser? Gab es viele Auslöser?

Wir hätten für unser eigenes Seelenheil gerne eine „Erklärung“, gerne eine Art „übergeordneten Verantwortlichen“, der Veranstalter bietet sich für solches an, der Bürgermeister – ein Amt, eine Firma ist uns da nicht recht.
Wir möchten Verantwortung gerne personifizieren. Die Verantwortung – und damit die Schuld, soll ein Gesicht haben.
Wir möchten nicht das die Jungendlichen es Schuld sind, „selbst Schuld“ sind, wie es einzelne Schreiber des unsäglichen Kopp-Verlangs kurz nach der Katastrophe wissen wollten. Man zeigte barbusige junge Frauen als Sinnbild der „verkommenen Jugend“ wo so etwas eben passiert.
Wir schütteten Hohn und Spott über die Autoren des als „rechts“ geltenden Verlags aus. Mit Recht, denn Lebensfreude, und Barbusigkeit bringt bei uns „im Westen“ niemanden um.
Aber ist es richtig alle diese jungen Leute ganz aus der Verantwortung zu entlassen? Wenn wir schon so verbissen nach „Schuld“ suchen, können wir die Stimmungsmacher bzw. die Krawallhorden unter den Zuschauern da außen vor lassen? Können wir wirklich sagen „die Polizei war schuld, denn sie haben nicht verhindert was andere getan haben“?

Wir brauchen im Krieg den Diktator, den Kriegsverbrecher, den Aggressor, denn sonst ist der Soldat alleine mit seiner Tötungsabsicht - er ist der Mörder seines Feindes ohne den Grund der Feindschaft zu kennen.
Genau so brauchen wir, wenn Menschen Menschen töten, einen Verantwortlichen.
Wenn die „Panik“ keinen Schuldigen findet, ist der, der einen Menschen tot getreten hat, nach landläufiger Auffassung zwar nicht der Mörder, aber es ist halt Schuld am Tod eines Mitmenschen.

Das wollen wir nicht. Die Musik die gespielt wurde ist „unsere Musik“, die Konzertbesucher sind vorwiegend aus der Generation „unserer Kinder“, sie sind Opfer der Umstände keinesfalls Teil des Problems.
Ein Vorfall wie das Loveparade-Disaster kennt nur Opfer. Kennt nur Menschen, die von der Panik ergriffen wurden, oder vor der Panik anderer flüchteten.
Es waren, wie selbstverständlich „Opfer“ die andere Opfer tot getreten oder tot gequetscht haben. Wer hat schon berichtet, „ja, dann trat ich auf etwas Weiches“ oder „unter mir spürte ich wie die Rippen des Brustkorbs brachen“ - wer hat das berichtet?

Wer hat berichtet „es war tolle Stimmung vor dem Tunnel“, auch als „wir hinten“ uns gegen die „vor uns“ warfen hörte man viel Gelächter“ - wer?

Das Landgericht in Duisburg wird kritisiert, die Staatsanwaltschaft, der Gutachter.
Nach dem Einspruch der Staatsanwaltschaft wird das Oberlandgericht in Düsseldorf nun nicht nur über „Schuld und Loveparade“ befinden müssen, auch über die Entscheidung eines Landgerichts und die Qualität eines englischen Gutachtens.

Mir scheint, ein mutiges Gericht in Duisburg. Hoffen wir auf ein weises Oberlandgericht in Düsseldorf und zurückhaltenden Journalismus in Nordrheinwestfalen.